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19/03/2019 14:46 CET | Aktualisiert 19/03/2019 14:51 CET

Verkehr: In diesen Städten werdet ihr fürs Fahrradfahren bezahlt

Es ist eines der wenigen Länder der Welt, die ihre Einwohner mit Cash fürs Radfahren belohnen.

HuffPost

Die Niederlande haben den Anspruch, die weltweit führendste Fahrrad-Nation der Welt zu sein. Das kleine Land hat Fahrradläden, Abstellplätze und ein ordentliches Netzwerk von rot asphaltierten Radwegen.

Während die Menschen in den USA beispielsweise nur ein Prozent aller Reisen mit dem Rad machen, unternehmen Holländer mehr als 25 Prozent ihrer Ausflüge mit dem Fahrrad – das sind mehr als in jedem anderen Land.

Doch die Regierung ist noch immer der Meinung, dass zu wenige Bürger aufs Rad steigen und zur Arbeit fahren. Tatsächlich versucht das Verkehrsministerium, die anhaltende Abhängigkeit vom Auto zu reduzieren. Das Ministerium will es nun Pendlern ermöglichen, dass die Arbeitgeber ihre Angestellten für die Fahrradfahrten entlohnen. 

Radfahrer können von ihrem Arbeitgeber 0,19 Euro für jeden Kilometer, den sie bis zum Büro fahren, verlangen. Das bedeutet: Jemand, der 10 Kilometer am Tag fünf Tage die Woche radelt, verdient ungefähr 440 Euro zusätzlich. 

So viele Menschen wie möglich sollen mit dem Rad zur Arbeit kommen

Einige Unternehmen zahlen 19 Cent pro Kilometer schon seit 2006 für Pendler, die ohne Dienstwagen privat zur Arbeit kommen. Doch die Regierung ist der Meinung, dass noch nicht genug Arbeitgeber und Arbeitnehmer wissen, dass das Angebot für Fahrradfahrer genauso gilt wie für Autofahrer.

Das will die niederländische Regierung nun ändern. Insgesamt will sie 343 Millionen Euro dafür auszugeben, um Fahrradfahren zu bewerben und die Fahrrad-Infrastruktur des Landes auszubauen. 

Die Staatssekretärin des ”Ministerie van Infrastructuur en Waterstaat”, Stientje van Veldhoven, sagte, das Ziel sei, mehr als 200.000 Menschen zusätzlich dazu zu bringen, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren.

“Fahrradfahren ist gut, um Staus zu vermeiden, es ist gut für die Luftqualität der Stadt und es ist gut für die Gesundheit der Menschen”, sagt van Veldhoven der HuffPost. “Und es kann Geld sparen – du kannst im Jahr hunderte Euros sparen. Es ist also ein großer Vorteil für die Geldbörse.”

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Die Staatssekretärin für Infrastruktur, Stientje van Veldhoven, auf ihrem Fahrrad

Kraftfahrzeuge tragen am stärksten zu der Umweltverschmutzung und dem Klimawandel bei, wie eine NASA-Studie 2010 ergab. Die EU-Staaten haben sich darauf geeinigt, die CO2-Emissionen von Autos bis 2030 um 35 Prozent zu mindern. Dem Fahrrad kommt dabei eine entscheidende Rolle zu. 

Beim Radfahren noch etwas dazu verdienen

Aber nicht nur die Niederlande versuchen, die Bewohner mit Geld-Anreizen zum Fahrradfahren zu bewegen.

► Im vergangenen Monat verkündete die italienische Stadt Bari, dass sie Fahrradfahrern 20 Cent für jeden Kilometer geben will, den sie zur Arbeit radeln. Obwohl das von der Regierung finanzierte Angebot auf 24 Euro im Monat beschränkt wurde, bietet Bari 150 Euro für den Kauf eines neuen Fahrrads oder 248 Euro für ein E-Bike.

“Beim Fahrradfahren verdient ihr was, es wird nicht nur eurer Gesundheit gut tun”, sagte Baris Bürgermeister Antonio Decaro damals. Er arbeitet daran, nachhaltigere Transportarten in seiner mit Autos überfüllten Stadt durchzusetzen.

► In Frankreich können Fahrradfahrer 25 Cent pro Kilometer von ihrem Arbeitgeber verlangen, nachdem das 2014 in einem sechsmonatigen Projekt getestet worden war. 

Es gibt auch Kritik

Kritiker aber bezweifeln, dass diese kleinen finanziellen Anreize ausreichen, dass Menschen nicht mehr in ihr Auto zu steigen.

Die Ergebnisse des sechsmonatigen Tests in Frankreich zum Beispiel waren nur bescheiden. Obwohl 8210 Pendler 28 Cent pro Kilometer fürs Fahrradfahren bekamen, stieg die Anzahl der regulären Radfahrer von 200 lediglich 419 an.

Und nur 19 Prozent der neuen Radfahrer waren ehemalige Autofahrer. Die Mehrzahl derjenigen, die umgestiegen waren, hatten zuvor die öffentlichen Verkehrsmittel genutzt.

► Belgien ist vielleicht ein ermutigenderes Beispiel. Es hat das am längsten etablierte Prämiensystem für Radfahrer mit einem Belohnungssystem, das schon 1999 gegründet wurde.

Holger Haubold, der Beauftragte für Wirtschaftspolitik der Vereinigung europäischer Fahrradfahrer (ECF), sagt, Belgiens Beschluss habe geholfen, die Popularität des Radfahrens in den vergangenen Jahren anzukurbeln.

Forschungen der ECF zufolge stieg die Anzahl der Arbeiter, die mit dem Rad kamen und dafür das Kilometergeld einkassierten, zwischen 2011 und 2015 um 30 Prozent.

In Kopenhagen gibt es fünfmal so viele Fahrräder wie Autos 

Aber es geht nicht immer nur ums Geld. Fahrradrouten ausbauen sei unverzichtbar gewesen, sagt Experte Haubold. Fahrradfahren müsse sich einfach und sicher anfühlen.

“Eine finanzielle Entschädigung ist ein effektiver Weg, die Anzahl der Radfahrer zu erhöhen, aber natürlich muss es auch eine gute Infrastruktur geben – das muss Hand in Hand gehen”, sagt er.

In der dänischen Hauptstadt Kopenhagen – ein Fahrradparadies, in dem es fünfmal so viele Fahrräder wie Autos gibt – zeigte 2017 eine Umfrage, wie wichtig ein gut ausgebautes Netz von Fahrradwegen ist.

27 Prozent der Leute gaben an, Rad zu fahren, weil es günstig sei, 50 Prozent sagten, sie würden Radfahren, weil es einfacher sei.

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Radfahrer in Kopenhagen, Dänemark 

Pendlergewohnheiten lassen sich schwer ändern. Aber Belgien und Kopenhagen, und vielleicht bald die Niederlande, machen vor, wie man die Menschen zum Radfahren motiviert.

Geld ist ein guter Anreiz, aber lange nicht der einzige. Radfahren muss einfach und angenehm sein, damit die Menschen nicht nur an ihr Auto und an ihren Geldbeutel denken. 

Dieser Text erschien zuerst bei der HuffPost US und wurde ins Deutsche übersetzt.