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09/03/2019 10:34 CET | Aktualisiert vor 15 Stunden

So fühlt sich eine Mutter, wenn sie sich vom Vater ihrer Kinder trennt

Ich weiß, dass ich mir selbst verzeihen muss.

Sarah Bragel
Sarah Bregel mit einem ihrer Kinder.

Sarah Bregel ist freie Autorin und Mutter zweier Kinder. Vor etwa einem Jahr hat sie nach einem langen, innerlichen Kampf beschlossen, ihren Mann zu verlassen. Noch heute fühlt sie sich schuldig, weil sie ihr eigenes Glück über das ihrer Familie gestellt hat – so geht sie mit ihren Gefühlen und ihrer neuen Lebenssituation um.

Ich ziehe die Decke über den Kopf, kuschle mich in mein Bett – mein Körper fühlt sich an, als würde er in die Laken hineinschmelzen. Nachdem ich heute gearbeitet habe, im Fitnessstudio war, meine Kinder abgeholt, ihnen das Abendessen zubereitet, sie gebadet und ihnen etwas vorgelesen habe, bin ich völlig erschöpft. 

Nach diesem hektischen Tag ist jetzt wohl der erste Augenblick, in dem ich tief durchatmen kann. Trotz der Erschöpfung bin ich glücklich. Ich strecke mich auf der Matratze aus – ich habe kein Problem damit, allein zu schlafen. Ehrlich gesagt, ist es mir sogar lieber. 

Mein Partner und ich sind seit ungefähr einem Jahr getrennt. Deswegen erlebe ich einige Herausforderungen – das Bett mit niemanden zu teilen ist allerdings keine davon. Ich habe immer viel Freiraum eingefordert, nicht nur im Schlaf – deswegen hatte ich mich auch dazu entschlossen, mich zu trennen.

Lange Zeit habe ich mich gefragt, ob ich stark genug bin, um meinen Partner zu verlassen. Ich habe mich gefragt, ob meine Kinder, die heute vier und neun Jahre alt sind, diese Entscheidung verkraften würden. Ich habe mich gefragt, ob ich mich finanziell allein für mich sorgen kann. Freunde gaben mir Nummern von Paartherapeuten, drei von ihnen haben wir sogar getroffen. 

Trotzdem hatte ich das Gefühl: Hier muss sich grundlegend etwas ändern.

Ich habe lange gebraucht, um mir einzugestehen: Ich will mich von meinem Mann trennen

Anfangs dachte ich, dass es etwas in mir drin sei. Also versuchte ich zunächst, meine Gesundheit zu verbessern. Ich fing an, auf meine Ernährung zu achten und Sport zu treiben. Ich trank weniger Alkohol. Ich machte eine Yoga-Ausbildung und fing an, mit sämtlichen Methoden gegen meine Schlafstörungen zu kämpfen. 

Ich hatte meinen Traum-Job gefunden und arbeitete als freie Autorin. Eins meiner Kinder ging schon zur Schule, das andere war in einer Halbtags-Kinderbetreuung. Ich hatte endlich Zeit, mich meiner Karriere zu widmen. In fast allen Lebensbereichen hatte ich Erfolg. Aber ich war immer noch nicht glücklich.

Ich fühlte mich eingesperrt, war dünnhäutig und geradezu depressiv. Manchmal dachte ich: “Vielleicht fühlt man sich einfach so, wenn man verheiratet ist und zwei Kinder hat. Vielleicht fühlen sich alle so.”

Ich fing an, mein Leben genauer unter die Lupe zu nehmen. Ich konnte meine Unzufriedenheit über meine Ehe nicht länger ignorieren. Indem ich anfing, mich tiefergehend damit zu beschäftigen, was eigentlich mein Problem war, musste ich auch das Gespräch mit meinem Ehemann suchen. Ich beschwerte mich wegen allem Möglichen bei ihm – wenn er zu spät nach Hause kam zum Beispiel oder wenn er zu oft auf sein Handy starrte. Ich warf ihm immer vor, dass er unzuverlässig sei. Ich ließ meinen gesamter Ärger an ihm aus, und wir stritten immer und immer wieder über dieselben Dinge, denn ich verheimlichte ihm meine wahren Bedürfnisse nicht mehr.  

Ich wusste, dass ich einfach nicht glücklich war in meiner Ehe

Die Wahrheit allerdings war: Es war alles schon zu spät. Tief in mir drin wusste ich, dass ich in meiner Ehe einfach nicht glücklich war und es wahrscheinlich auch niemals sein würde, egal was mein Mann getan hätte. Allerdings tat es auch weh, vor mir selbst zugeben zu müssen, dass ich meine Familie im Stich lassen müsste. Ich konnte mir nicht vorstellen, die Person zu sein, die meine Familie auseinander reißen würde, und das aus egoistischen Gründen.

Monate-, Jahrelang hielt mich die Angst vor der Schuld, die ich verspüren würde, wenn ich mich scheiden ließe, zurück. Ich war eine unglückliche Mutter, aber immerhin eine, deren Kinder zwei Eltern zu Hause hatten. Meine Kinder mussten nicht ständig hin und her fahren und sich an Feiertagen zwischen zwei Parteien, zwischen zwei Häusern aufteilen. Und obwohl mein Mann und ich uns mehr stritten als jemals zuvor, jeder von uns still vor sich hin litt: Sich zu trennen, sich einfach unmöglich.

Dann der Wendepunkt: Es passierte, als mein Mann von einem einwöchigen Urlaub zurückkam. Während er weg war, merkte ich, dass ich nicht so wütend war wie sonst. Ich schlief besser. Mir wurde bewusst, dass ich meine psychische Gesundheit nicht länger aufs Spiel setzen konnte. Ich musste etwas verändern. 

Ein paar Monate später, nachdem ich das Gespräch immer und immer wieder im meinem Kopf durchgespielt hatte, sagte ich meinem Mann, dass ich die Scheidung will. Schritt für Schritt vollzogen wir die Trennung, langsam und schmerzhaft. Es den Kindern zu sagen war am schlimmsten. Meine Tochter rannte schluchzend in ihr Zimmer, versteckte ihren Kopf unter ihrem Kopfkissen, fragte weinend, wie es weitergehen würde. Ihre größte Sorge war, dass wir wieder heiraten würden und sie uns mit neuen Menschen teilen müsste.

Wir haben versucht, es den Kindern so einfach wie möglich zu machen. Wir mieteten ein halbes Jahr lang eine Wohnung, in der wir abwechselnd wohnten. Dann zog mein Mann in ein neues Haus, nur wenige Meilen von uns entfernt. Ich war bereit für die Veränderung, und nachdem wir uns so lange drauf vorbereitet hatten, waren unsere Kinder scheinbar auch bereit. Sie freuten sich sogar darauf, ihre neuen Zimmer einzurichten. Und auch Monate später beschwerten sie sich nicht über ihre neue Wohnsituation. Sie sind widerstandsfähiger als ich jemals gedacht hätte. Und dennoch hat sich so viel verändert. Und jeder von uns musste auf seine eigene Art und Weise tapfer sein.

Manchmal fühle ich mich immer noch schuldig

Ich weiß, dass die Trennung die beste Lösung für alle war, trotzdem sind da die ganzen Fragen: Hatte ich mich nicht genügend angestrengt? Was, wenn wir unsere Leben einfach nicht in den Griff kriegen würden? Was, wenn mein Glück den emotionalen Stress, den ich meinem Mann und den Kindern aufdrängte, nicht wert war?

An ruhigen Abenden, kurz vor dem Einschlafen, spüre ich manchmal dieses altbekannte Gefühl: Ein Gefühl, das ich mit aller Kraft versucht habe, zu verdrängen. Manchmal holt es mich ein. Ich bin nicht einsam und habe keine Schwierigkeiten, den Alltag zu meistern. Ich bin mit meinem Leben als Single nicht mehr überfordert als mit meinem Leben als verheiratete Frau. Manche Stressfaktoren sind sogar verschwunden. Aber die Schuld plagt mich noch. Ich denke darüber nach, wie ich meine Familie zerstört habe. Stelle mir vor, wie mein Ex-Mann allein zu Hause sitzt. Frage mich, ob es ihm gut geht.

Die meisten alleinstehenden Mütter beschweren sich darüber, dass sie keine Zeit haben, um neue Partner kennenzulernen, und darüber, was für ein Desaster ihr Liebesleben ist, wenn sie dennoch Zeit finden, neue Menschen kennenzulernen. Sie sprechen darüber, dass sie sich einsam fühlen, oder wie belastend alles ist. Sie sprechen über die finanzielle Belastung, bezahlbare Kinderbetreuung, darüber, dass es niemanden gibt, der ihnen dabei hilft, Einkäufe zu tragen.

Das alles trifft auf alleinstehende Eltern zu, und tatsächlich sind viele Dinge schwierig, auch für mich. Was für mich allerdings mit Abstand am schlimmsten ist, ist zu wissen, dass ich diejenige war, die die Trennung wollte. Ich war diejenige, die aufgegeben hat. Ich war diejenige, die sich weiterentwickeln wollte.

Ich glaube, auf lange Sicht geht es uns so, wie es jetzt ist, besser. Aber es vergeht kaum ein Tag, an dem ich mich nicht schlecht fühle, weil ich meine Familie zerrissen habe, weil ich eine Veränderung brauchte. Wenn ich einfach meine Klappe gehalten und eine andere Möglichkeit gefunden hätte, glücklich zu sein, hätte niemand leiden müssen. Mein Ex-Mann hätte sich im letzten Jahr nicht so vielen Herausforderungen stellen müssen. Meine Kinder müssten nicht ständig zwischen zwei Elternhäusern hin und her wechseln.

Zu wissen, dass die Entscheidung, unsere Ehe zu beenden, meine war, fühlte sich nach einer so schweren Bürde an, dass ich zeitweise nicht wusste, wie ich sie jemals ablegen sollte.

Ich frage mich, ob es ich es verdiene, glücklich zu sein

Die Schuld macht es schwer, mein Leben so weiterzuentwickeln, wie ich es mir wünschen würde. Jedes Mal, wenn ich glaube, es ginge mir gut, holt mich diese Schuld wieder ein. Sie behindert mich darin, mein Glück zu finden, denn ich frage mich ständig, ob ich es verdiene. Ich muss mich immer und immer neu anstrengen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen – und manchmal ist es schwer, sie zu ertragen.

Und die Wahrheit ist, dass ich jedem Menschen behutsamer umgehen würde, jedem Menschen schneller verzeihen würde als mir selbst. Wenn eine andere Mutter mir von ihrer unglücklichen Ehe erzählen würde, davon, dass sie längst weiß, was zu tun ist, aber sich nicht traut, den entscheidenden Schritt zu wagen: dann würde ich ihr sagen, dass ihr Glück genauso wichtig ist wie das von jedem anderen Menschen auch. Ich würde niemals jemandem sagen, dass er nur um seinen Partner oder sogar seiner Kinder Willen die Beziehung erhalten sollte. Wenn jemand wirklich unglücklich ist, leidet die ganze Familie darunter. Ich weiß das alles eigentlich, aber mich immer wieder daran zu erinnern ich leichter gesagt als getan.

Wenn ich am nächsten Morgen aufwache, spüre ich die Schuld nicht mehr. Und ich weiß, wenn ich durchhalte und weitermache, werde ich mir selbst irgendwann erlauben, einfach meine Gefühle zuzulassen – egal ob sie gut oder schlecht sind – und sie dann gehen zu lassen. So werde ich Raum schaffen für etwas Neues. Schließlich war das der Grund, weswegen ich mein Leben verändern wollte: Raum schaffen für Neues.

Ich weiß, ich werde eine bessere Mutter sein

Ich kuschle mit meinen Kindern, die glücklich und zufrieden sind. Ich mache Kaffee, packe meinen Kindern ihr Mittagessen ein und begleite sie nach draußen. Dann setze ich mich in mein Lieblings-Café und ein neues Gefühl kommt auf. Ich verspüre Erleichterung darüber, dass ich das Bewusstsein dafür, die Kraft, die Ausdauer hatte, mein Leben zu ändern, gerade weil es nicht einfach war – aber richtig. Ich weiß, dass ich mich immer noch schuldig fühlen werde. Ich weiß, dass die Schuld immer und immer wieder in mir hochkommen wird – und dass ich mich selbst zur Vernunft bringen muss, so, wie es bei einem guten Freund tun würde. Ich weiß, dass ich mir selbst verzeihen muss. 

Ich werde mich wahrscheinlich für immer schuldig fühlen, weil ich meine Familie so grundlegend verändert habe. Aber ich weiß auch, dass ich eine glücklichere, gesündere Person sein werde – und auch eine bessere Mutter. Daran denke ich jedes Mal, wenn ich wieder die Schuld verspüre. Und ich weiß, je mehr ich in diesem neuen Leben ankomme, umso mehr Selbstbewusstsein werde ich haben.

Dieser Text erschien ursprünglich in der US-Ausgabe der HuffPost und wurde aus dem Englischen übersetzt von Agatha Kremplewski. 

(ame)