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20/02/2019 11:11 CET | Aktualisiert vor 11 Stunden

Vollzeit-Väter sind immer noch die Ausnahme – dabei hätte es diese vier Vorteile

Wenn Männer mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen, ist das gut für sie, die Partnerinnen, die Kinder und die Gesellschaft

Image taken by Mayte Torres via Getty Images
Es ist an der Zeit, sich für eine gleichberechtigte Erziehung und generell für mehr Gleichberechtigung in der Welt einzusetzen.

Das TV-Schweinchen “Peppa Wutz“ ist politisch. Der Erziehungs-Hattrick. Die Vaterschaftslücke. Wenn ihr Kinder habt, habt ihr die Serie wahrscheinlich schon gesehen. Wenn ihr im Begriff seid, Eltern zu werden, lernt ihr Peppa und ihre Familie bald kennen, ob es euch gefällt oder nicht.

Selbst wenn ihr Kinder hasst und nie eine Familie haben wollt, müsst ihr mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann mal eine Episode von “Peppa Wutz“ mithören, die auf einem iPhone im vollen Bus oder Zug gespielt wird. Die Serie ist Gold wert, wenn es darum geht, nervige Kinder zum Schweigen zu bringen.

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Nur Verrückte kümmern sich um ihre Kinder

Der Patriarch der Schweinefamilie ist jedoch ein Witzbold, und genau das ärgert mich. Zumal das Papaschwein damit nicht alleine steht.

Väter sind im Fernsehen häufig lustig, umtriebig und unbeholfen.

Homer Simpson ist sicherlich weltweit der berühmteste Vater. Und doch ist er wohl auch das schlechteste Vorbild als Vater.

Das ist ein wichtiger Punkt. Kinder, die die Welt und ihren Platz in ihr verstehen wollen, sehen diese Serien und verinnerlichen die Stereotypen. Erwachsene auch. Männer erhalten die Botschaft, dass es seltsam ist, sich Vollzeit um die eigenen Kinder zu kümmern.

Die TV-Kultur geht mit der Zeit. Jüngst zeigten zwei Erfolgsserien Väter, die den Großteil der Kinderbetreuung übernehmen. Kevin in BBC-Sitcom “Motherland“ ist schlapp und erbärmlich, und Joe Miller tötet in der Krimiserie “Broadchurch“ Menschen. Die Botschaft ist klar. Nur Verrückte kümmern sich um ihre Kinder.

Kinder wachsen glücklicher auf, wenn sich der Vater um die Familie kümmert

Das ist eine Schande. Denn wenn sich Männer voll und ganz dem Familienleben widmen, kommt es in Wirklichkeit einem Hattrick gleich: Sie punkten gleich drei Mal (wohlgemerkt spiele ich nicht auf das Schlafzimmer an, obwohl gleichberechtigte Partner ein besseres Sexualleben haben).

Erstens profitieren sie selbst. Männer, die mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen, sind fitter, glücklicher, produktiver und leben länger.

Zweitens profitieren ihre Partnerinnen. Frauen, die sich die Erziehung gleichberechtigt mit ihrem Mann teilen, sind psychisch weniger belastet.

Außerdem können sie früher wieder zu arbeiten beginnen, da die andere Hälfte ihren Teil beiträgt. In der Folge müssen sie nicht Einkommenseinbußen hinnehmen, die mit zwölf Monaten Elternzeit einhergehen und Zeit ihres Lebens Folgen haben.

► Drittens tut es den Kindern gut. Kinder, deren Väter sich voll und ganz um die Familie kümmern, wachsen klüger und glücklicher auf, haben seltener Stress mit Behörden, und – was mir am besten gefällt - ihre Lebenseinstellung ist weniger geschlechtsspezifisch geprägt.

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Meistens übernimmt die Frau die Erziehung und den Haushalt

► Es gibt einen vierten Vorteil: Die Frauen würden dann schneller ins Berufsleben zurückkehren, produktiver arbeiten und mehr Geld verdienen. Das nur am Rande, denn “der Erziehungs-Hattrick plus eine weitere Sache“ klingt nicht so einprägsam.

Trotz der Vorteile gibt es noch immer die Vaterschaftslücke. Mit diesem Begriff bezeichnen wir die Kluft zwischen dem, was Menschen nach eigenen Angaben wollen und der Realität.

Umfragen zufolge finden verblüffend wenige Menschen, dass die Frau den größten Teil der Erziehung übernehmen sollte. Nach Ansicht der meisten sollte sie geteilt werden. Insbesondere unter den Millennials sehnt sich eine wachsende Zahl von Männern nach einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie und ist bereit, auf ein höheres Gehalt zu verzichten, um mehr Zeit für die Familie zu haben.

Doch in den meisten Haushalten übernimmt die Frau den größten Teil der Kinderbetreuung und der häuslichen Aufgaben. Der Mann arbeitet Vollzeit und steuert den Löwenanteil des Einkommens bei.

Väter sollen die gleichen Rechte haben

Wie gut, dass mein Co-Autor David Freed und ich lösungsorientierte Menschen sind. Wir wissen, wie man die Lücke schließt. “Dads Don’t Babysit“ ist ein Manifest für mehr Väter in der Erziehung und zeigt auf, wie wir dorthin kommen.

► Wir wollen, dass Männer den gleichen Anspruch auf Vaterschaftsurlaub haben wie Frauen, nämlich statt heute gerade mal zwei Wochen sechs Wochen bei 90 Prozent des Einkommens [in Großbritannien; in Deutschland gibt es für den Vater keinen gesetzlichen Anspruch auf Vaterschaftsurlaub, dafür kann er aber bis zu Elternzeit nehmen, Anm. d. Red.]. Das bedeutet, dass er keine Zeit mit seinem Baby verpasst und sie sich nicht schon nach zwei Wochen allein um das Neugeborene kümmern muss.

► Wir wollen, dass für eine gemeinsame Elternzeit geworben und sie ausgeweitet wird - einschließlich einer Vorgabe nach dem Motto: “Nutze ihn oder du verlierst den Anspruch“. Das soll insbesondere für Männer gelten, damit sie ermutigt werden, in Elternzeit zu gehen.

► Flexible Arbeitsbedingungen sollten gefördert werden. Männer werden selten diskriminiert. Bemerkenswert ist aber, dass bei einer Frau der Forderung nach flexibler Arbeitsorganisation entsprechend der Betreuungsbedürfnisse wahrscheinlich nachgekommen wird, bei einem Mann dagegen eher nicht.

► Wir wollen, dass Ofcom [britische Medienaufsichtsbehörde, Anm. d. Red.]gegen schlechte Vorbilder wie Papa Wutz in Kindersendungen vorgeht. Unsere vielleicht größte Bitte ist, die Simpsons nur zu einer Uhrzeit zu zeigen, zu der Kinder nicht mehr fernsehen.

Das alles erreichen wir, indem Männer aufstehen und drei einfache Schritte beherzigen: handeln, reden, bewegen.

Das könnt ihr tun, liebe Männer: 

► Nehmt euren Anspruch auf Vaterschaftsurlaub, Männer. Es ist erschreckend, dass bis zu einem Drittel der Väter nicht einmal die zwei Wochen nehmen, die ihnen derzeit gewährt werden.

► Wenn ihr in der Arbeit früher Schluss macht, um die Kinder aus dem Kindergarten abzuholen, sagt das. Tut nicht so, als hättet ihr ein Meeting außerhalb des Büros oder einen Zahnarzttermin. Jeder Mann, der das beherzigt, macht es anderen leichter, dasselbe zu tun.

► Besprecht mit eurer Partnerin, wie ihr die Kinderbetreuung aufteilen wollt, bevor das Kind auf der Welt ist. Sprecht offen mit Freunden über Erziehung.

► Tratscht nicht darüber, dass im Sexualleben nach der Geburt womöglich nichts mehr geht, sondern redet lieber über die Freude, ein eigenes Kind zu haben und es aufzuziehen.

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Männer werden gehört, das solltet ihr nutzen

Engagiert euch gesellschaftlich. David Lammy, Vorsitzender der parteiübergreifenden Parlamentsgruppe zum Thema Vaterschaft, sagte uns, Menschen, die etwas verändern wollen, müssten “sichtbar werden für ihre Abgeordneten“. Schickt ihnen eine E-Mail, bitten sie, Maßnahmen zu unterstützen, die es Vätern erleichtern, die Erziehung gleichwertig zu übernehmen.

Als Frauen vor einem Jahrhundert für ihr Wahlrecht kämpften, war es für sie schon schwierig, Gehör zu finden - und daran hat nichts geändert. Bei Männern ist das anders. Das ist nicht fair, aber es ist, wie es ist.

Männer werden in den Fluren der Macht gehört.

Es ist an der Zeit, sich für eine gleichberechtigte Erziehung und generell für mehr Gleichberechtigung in der Welt einzusetzen.

James Millar ist Journalist und Autor. Sein jüngstes Buch “Dads Don’t Babysit“, das er gemeinsam mit David Freed geschrieben hat, ist im Ortus-Verlag erschienen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der HuffPost UK und wurde von Sandra Tjong aus dem Englischen übersetzt.

(ame)