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06/03/2019 12:31 CET | Aktualisiert vor 20 Stunden

Ich habe eine Nacht in einem Verlies verbracht – um für meine Plastik-Sünden zu büßen

“Heute Abend musst du deine Verbrechen bereuen und darüber nachdenken, wie du mit dem Planeten statt gegen ihn arbeiten kannst.”

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Ich büßte in der Plastik-Burg für meine Umweltsünden.

Die markante, vierstöckige, turmhohe Burg glitzert in der verblassenden Nachmittagssonne und wirft einen ominösen Schatten über den Kerker, in dem ich für meine Plastik-Sünden Buße tun werde.

Es ist keine gewöhnliche Burg: Sie besteht aus 60.000 leeren Plastik-Flaschen, die von einem Plastik-Käfig umgeben sind. Sie steht imposant am Rand der kurvenreichen Straße, die das Zentrum dieser Insel mit den majestätisch anmutenden, goldenen Stränden verbindet. Die Isla Colón ist die Hauptinsel im Archipel von Bocas del Toro, Panamas Haupt-Urlaubsziel. Aber ich war nicht hier, um zu surfen oder Rum-Cocktails zu schlürfen. Ich war hier, um mich inspirieren zu lassen.

“Nina, du bist eine Verbrecherin”, sagte der Schöpfer der Burg, der 69-jährige Robert Bezeau, nachdem er mich zu meinem Wissen über Plastik ausgefragt hatte – mein Wissen hatte, da ich mich für ziemlich umweltfreundlich halte, mehr Lücken, als ich erwartet hätte. “Heute Abend musst du deine Verbrechen bereuen und darüber nachdenken, wie du mit dem Planeten statt gegen ihn arbeiten kannst”, kündigte Bezeau an. 

Wir sind alle schuldig

Allein wegen meiner Reise schon fühlte ich mich schuldig: Ich war gezwungen, am Flughafen von Mexiko City Wasser in Plastikflaschen zu kaufen, da es keinen Trinkbrunnen zum Nachfüllen gab und aß dann das spärliche Flugzeugfrühstück mit Einwegbesteck aus Plastik (das wiederum in Plastik verpackt war), nachdem ich vergessen hatte, meinen wiederverwendbaren Reiselöffel und meine Gabel einzupacken.

“Wir sind alle schuldig wegen Verbrechen gegen den Planeten”, sagte Bezeau grinsend, als er mir eine langärmelige, schwarz-weiß gestreifte Gefangenenuniform übergab.

Santiago Escobar-Jaramillo
Das Plastik-Burg ist ein vierstöckiges Gebäude, das dem kanadischen Unternehmer und Aktivisten Robert Bezeau gehört und von ihm geleitet wird.

Er hatte Recht. Ich könnte mehr für die Umwelt tun, dachte ich mir und betrat das stickige Kunststoff-Verlies. Ich legte mich auf die untere Koje in der frisch gestrichenen weißen Zelle, um über meine Umwelt-Sünden nachzudenken.

Meine einzige Gesellschaft: Eine summende Fliege. Es sollte eine lange Nacht werden.

Plastik droht das Paradies zu verschlingen

Bocas del Toro ist eine biologisch vielfältige und artenreiche Provinz im Osten Panamas, ein tropisches Archipel mit neun Hauptinseln, 50 Höhlen und tausenden isolierten kleinen Inseln. Mit seinem funkelnden türkisfarbenen Wasser, dem Korallenriff, den imposanten Wellen und den artenreichen Wäldern zählt Bocas del Toro zu den beliebtesten Ökotourismus-Zielen Mittelamerikas und zieht Massen von Rucksacktouristen, Surfern, All-Inclusive-Urlaubern und gelegentlich auch Kreuzfahrtschiffe an. 

Santiago Escobar-Jaramillo
Lakhani sitzt und schreibt im "Verlies".

Der Tourismus ist das wirtschaftliche Rückgrat von Bocas, aber die Plastikflaschen, -taschen und -verpackungen, die die Touristen zurücklassen, drohen dieses winzige tropische Paradies zu verschlingen. Der Müll wird hauptsächlich verbrannt. Oder aber er landet im Meer oder auf offenen Deponien.

Diese giftige Mischung aus Plastik und schwindenden Wasserquellen, verschärft durch immer häufiger auftretende Dürren und politische Trägheit, hat die wenigen tausend Einwohner von Isla Colón an die Spitze der globalen Plastik-Krise gebracht.

Angesichts der scheinbar unüberwindbaren Probleme haben die Inselbewohner einige Umweltinitiativen ins Leben gerufen, die auch andere Regionen motivieren, ihrem Beispiel zu folgen.

Bezeau ist ein exzentrischer kanadischer Unternehmer und selbst ernannter König der Kunststoffe auf Colón, wo schätzungsweise 100.000 Besucher jährlich bis zu eine Million Kunststoffflaschen wegwerfen.

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Bezeau sitzt auf einem Stapel Kunststoffflaschen, die für fünf Cent ausgetauscht werden.

In seiner Heimatstadt Montreal habe der ehemalige Fabrikant nie Kunststoffe recycelt oder überhaupt über Plastik nachgedacht. Denn die Straßen seien sauber und die Müllabfuhr arbeite effizient, sagte er. Als er dann aber vor zehn Jahren auf die Insel kam, war Plastik einfach überall zu sehen.

Bezeau leitete verschiedene Reinigungsprojekte, darunter ein selbstfinanziertes kommunales Recyclingprogramm, das innerhalb von 14 Monaten eine Million Plastikflaschen von lokalen Unternehmen sammelte.

Eine Burg, ein Themenpark, ein Dorf

Lokale Politiker, Restaurants und Ladenbesitzer liebten das Programm, wollten aber nicht mithelfen, es zu bezahlen. Deshalb entschied sich Bezeau, seinen Weg allein zu gehen und seinen Burg- und Verlies-Themenpark aufzubauen – inklusive pädagogischer Note.

Der Besucherandrang auf die Burg ist groß. Einige haben online von dem ungewöhnlichen Gefängnis gelesen, aber meistens sind die Besucher Passanten, die von der kuriosen und gigantischen Struktur des Gebäudes beeindruckt sind.

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Bezeau betreibt die Plastik-Burg auch als Hotel, Restaurant und Bar.

Bezeau glaubt, wenn man Menschen erklärt, welchen Umweltschaden Plastikflaschen anrichten können, inspiriert sie das, ihr eigenes Verhalten zu ändern – und womöglich Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft zu überzeugen, Maßnahmen gegen den Plastikwahnsinn zu ergreifen.

Der Empfangsbereich der Burg – natürlich gebaut aus Plastikflaschen – ist geziert von schockierenden Bilder, die durch Plastikmüll ruinierte Meere zeigen.

“Bildung ist alles. Du kannst nichts korrigieren, von dem du nicht weißt, dass es falsch ist”, sagt der 69-Jährige. “Ich habe vielleicht noch 15 Jahre zu leben, das (die Vermüllung, Anm.) wird mich nicht mehr betreffen, deshalb möchte ich, dass Familien hierher kommen, damit die Kinder inspiriert werden.”

Bezeaus Vision eines kompletten Plastik-Dorfs und seine ansteckende Alles-ist-möglich-Einstellung haben den Modedesigner Jeff Catalano, 49, und seine Frau, die 34-jährige Marketing-Expertin Justine, überzeugt, von San Diego nach Colón zu ziehen. 

Menschen leben in Bezeaus Plastik-Dorf

Sie haben ein hippes, zweistöckiges, offenes Haus gebaut. Die “Wand der Wahrheit” – ein vertikaler Streifen entlang der Treppe – funkelt wie gefärbtes Glas. Es ist minimalistischer Urban-Chic und es bleibt wunderbar kühl im Haus – einer der Vorteile von Bezeaus Plastik-Flaschen-Technik. 

“Wir hatten nicht erwartet, dass wir das tun würden, aber so zu leben, hat unsere Gewohnheiten verändert. Wir nutzen Plastik und Wasser viel bewusster, wo auch immer wir sind”, sagt Justine Catalano.

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Jeff Catalano, Justine Catalano und ihre Tochter Jay in ihrem Haus aus Kunststoffflaschen auf der Isla Colón, Panama. Das Haus befindet sich auf einem der Grundstücke im Plastic Bottle Village.

Das Problem ist: Weder Wissen noch gefühlte Schuld können eine Verhaltensänderung garantieren. Tatsächlich gebe es Hinweise darauf, dass Schuld kontraproduktiv sein kann, sagt Elizabeth DeSombre, Professorin für Umweltwissenschaften am Wellesley College in Massachusetts.

Meine Nacht im Kerker ließ mich meine Schuld fühlen, so wie ich mich oft fühle, wenn ich Plastik verwende. Gleichzeitig fühle ich mich aber auch machtlos, was ich erreichen und dagegen tun könnte.

Plastik vermeiden ist besser als Plastik recyceln

“Menschen zu ermutigen, Dinge zu versuchen, wie ein Haus aus Plastik zu bauen, ist keine schlechte Sache und könnte ein kleines Teil des Puzzles sein”, sagt Expertin DeSombre. “Aber ein Großteil der Plastik-Verschmutzung geschieht hinter den Kulissen und liegt nicht in unseren Händen.”

Deshalb plädiert sie dafür, Ressourcen und Anstrengungen darauf zu fokussieren, die Kunststoffproduktion und den Plastik-Verbrauch insgesamt zu reduzieren, anstatt darauf, wie man Plastik wiederverwenden, wiederverwerten oder recyceln kann.

Das haben auch Initiativen in Bocas del Toro getan, indem sie radikale Regeln eingeführt haben.

Ein lokales Gesetz, das Plastiktüten im gesamten Archipel von Bocas del Toro verbietet, ist im April 2017 verabschiedet worden – nachdem sich Bürger mit Nachdruck an Politiker gewandt hatten. Es gab eine von der Gemeinde durchgeführte Bildungskampagne namens Cero Basura (Zero Waste), bevor das Komplettverbot – das erste seiner Art in Panama – ein Jahr später im April 2018 in Kraft trat.

Ein Erfolg mit Durchschlagskraft – ich habe bei meinem Besuch auf der Isla Colón keine einzige Plastiktüte gesehen. Und das, obwohl es an Budget mangelt, um das Gesetz konsequent durchzusetzen. (Der Posten des städtischen Umweltbeauftragten ist derzeit unbesetzt und es gibt kein Budget für eine lokale Polizei.)

“Wir waren erstaunt, wie einfach und schnell das Tüten-Verbot umgesetzt wurde”, sagt Ángel Gonzalez, Mitbegründer von Zero Waste und der NGO Fundación ProMar. “Es gibt keine politische Führung. Ohne die Bemühungen der Zivilgesellschaft hätte sich nichts geändert. Aber wir wollen uns auf die Reduzierung des Plastikkonsums konzentrieren, nicht auf Recycling oder die Wiederverwendung, und dafür müssen wir mit der lokalen Regierung zusammenarbeiten.”

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Carlos Cabrera und Ángel González sind Teil von "Cero Basura" (Zero Waste), einer Gemeinschaftsinitiative, die zu einem lokalen Gesetz führte, das die Verwendung von Plastiktüten in kommerziellen Einrichtungen in der Provinz Bocas del Toro regelt.

Auch Einweg-Produkte aus Plastik sind dem lokalen Gesetz zufolge verboten. Da hapert es allerdings noch etwas mehr mit der Umsetzung. Mir wurden in verschiedenen Restaurants Getränke mit unterschiedlichen wiederverwendbaren Strohhalmen serviert – aus Papier, Metall und Gummi. In einem anderen Restaurants gab es hingegen Wasser nur in Flaschen.

Es ist auch schwer, Food Trucks davon zu überzeugen, ihr Essen nicht in Plastik, sondern in Gefäßen und Schalen aus Holz oder anderen wiederverwertbaren Materialien zu servieren. Diese Regel benötigt einen stärkeren Anreiz – wie Geldstrafen oder günstige Alternativen –, um erfolgreich umgesetzt werden zu können. 

Ohne politische Unterstützung lässt sich die Plastik-Krise nicht lösen

Einige vielversprechende Initiativen zur Reduzierung von Kunststoffen und zur Bewältigung der Müllkrise, darunter das Recyclingprogramm von Bezeau, das die Kosten für die Müllabfuhr für kleine Unternehmen senkt, sind ohne strukturelle Unterstützung gescheitert.

Das Geschäft mit dem Nachfüllen von Wasser – Läden, Restaurants und sogar das lokale Krankenhaus verkauften gefiltertes Wasser – war eine zeitlang sehr erfolgreich, nachdem ein lokaler Unternehmer eine Reihe mechanischer Filter aus den Vereinigten Staaten importiert hatte.

Nachfüllen kostet weitaus weniger als neue Wasserflaschen. Das Konzept war beliebt bei Unternehmen (Restaurants und Geschäften), Verbrauchern (Touristen und Einwohnern), aber die meisten Filter wurden wieder abgeschafft – weil es Probleme mit der Wartung und der Verfügbarkeit von Ersatzteilen gab. 

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"The Dungeon" ist ein Hostel-Gefängnis, in dem Gäste ihre Verwendung von Plastik in Betracht überdenken und für ihre Verbrechen gegen den Planeten büßen können.

Dennoch kann man diese winzige Insel als einen ungewöhnlichen Mikrokosmos von alldem betrachten, was in der globalen Plastik-Krise gut und was schlecht läuft.

Das Problem ist hier extrem, komplex und dringlich aufgrund einer großen Anzahl an Touristen, einer wachsenden Bevölkerung und eines erheblichen Wasserproblems, das durch den Klimawandel verschärft wird. Gleichzeitig gibt es kreative, radikale und gemeinschaftliche Lösungen, die ohne große politische oder wirtschaftliche Führung entstanden sind. 

Aber fest steht: Wenn es kein sinnvolles und breites politisches Handeln geben wird, könnte diese idyllische Insel mit ihrem Plastik-Problem untergehen.

“Symbolische Bemühungen wie das Plastik-Verlies können nur dann nützlich sein, wenn sie die Menschen motivieren, weniger an symbolischen und stärker an grundsätzlichen Veränderungen zu arbeiten”, sagt DeSombre. 

Dieser Artikel ist zuerst in der HuffPost US erschienen und wurde von Uschi Jonas aus dem Englischen übersetzt und angepasst.