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19/12/2018 09:16 CET | Aktualisiert 23/12/2018 18:59 CET

Hartz-IV-Empfängerin: "Jobcenter droht, weil mir Geld für Busticket fehlt"

"Mit Hartz IV ist man ausgegrenzt, abgehängt und verloren."

Im Video oben erzählen Hartz-IV-Empfänger, warum sie nicht arbeiten und lösen damit eine Debatte unter ihren Mitbürgern aus. 

Katharina T. (Name von der Redaktion geändert) ist 34 Jahre alt und lebt in Mecklenburg-Vorpommern. Sie und ihr Freund beziehen beide Hartz IV. 

Weil ihnen das Geld fehlte, konnten beide sich kein Busticket leisten, um zum Jobcenter zu einem Termin zu fahren. Nun drohen dem Paar Sanktionen. Das heißt: Ihnen könnten zehn beziehungsweise 30 Prozent ihres Hartz-IV-Satzes gestrichen werden.

Mein Freund und ich wohnen zusammen und beziehen beide seit ungefähr zwei Jahren Hartz IV. Davor war mein Freund selbstständig, wurde allerdings von mehreren Auftraggebern nicht bezahlt und musste somit seine Selbstständigkeit beenden. Deswegen ist er in Hartz IV gerutscht.

Hansol Lee / EyeEm via Getty Images
Die Fahrt zum Jobcenter konnte sich Katharina nicht mehr leisten – und wurde anscheinend nicht korrekt beraten (Symbolbild). 

Ich selbst habe zuletzt als Pflegekraft in einem Seniorenheim gearbeitet. Mein Vertrag war allerdings befristet, ich wurde immer nur wochenweise als Krankheitsvertretung eingesetzt – und irgendwann gar nicht mehr.

Da ich von der Arbeit oft Rückenschmerzen hatte, habe ich mich entschieden, in diesem Beruf nicht mehr arbeiten zu wollen: Ich kann es einfach nicht mehr. Ich habe auch ein ärztliches Attest, das bestätigt, dass ich keine körperlich anstrengende Arbeit verrichten darf.

Mehr zum Thema: Hartz-IV-Empfängerin: “Meinem Hund geht es besser als mir”

Ich will mein Leben verändern – aber das Jobcenter lässt mich nicht

Ich möchte gerne mein Leben verändern, denn die vergangenen 15 Jahre sind nicht gut für mich gelaufen – aber das Jobcenter nagelt mich auf meine Ausbildung zur Pflegerin fest. Ich möchte gerne mein Abitur machen, was mir allerdings versagt wird.

Ich würde mir das Abitur auch selbst finanzieren, aber mit Hartz IV ist das nicht möglich. Anbieten kann mir das Jobcenter nur Stellen als Altenpflegerin und Erzieherin.

Altenpflegerin fällt raus, weil das körperlich zu anstrengend ist – und Erzieherin ist überhaupt nicht meins. Nach meiner Sozialassistenten-Ausbildung habe ich sogar mal probiert, ein Jahr lang Erzieherin zu lernen, aber das ist einfach nichts für mich. 

Seit zwei Jahren rede ich jetzt mit dem Jobcenter und sage ständig, dass ich nicht in meinen Job in der Pflege zurückkehren kann. Trotzdem bieten sie mir immer nur Jobs in der Pflege an. Das ist frustrierend.

Auch hat das Jobcenter nur Jobs auf Mindestlohnbasis zu bieten. Solange der Mindestlohn aber nicht erhöht wird, werde ich nicht mehr arbeiten gehen. Das habe ich dem Jobcenter auch mitgeteilt. Ich mache mir nicht mehr für andere den Rücken kaputt, um am Ende des Monats trotzdem sehen zu müssen, wie ich über die Runden komme.

Ich weiß jetzt schon: Wenn das so weiter geht, werde ich zum Beginn meiner Rentenzeit Flaschen sammeln müssen, weil meine Rente nicht zum Leben ausreichen wird. 

Mit Hartz IV sind wir eigentlich immer knapp bei Kasse

Sowohl mein Freund als auch ich haben so viele negative Erfahrungen mit Hartz IV gemacht – ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.

Ein Beispiel: Wir sind eigentlich immer knapp bei Kasse, weil wir beide rauchen und Tiere haben – das sind zwei Punkte, die im sowieso schon niedrigen Regelsatz nicht berücksichtigt werden. Also müssen wir schauen, wo wir sparen – was aber sowieso schon kaum möglich ist. 

Dann ist unsere fast 14-jährige Hündin vor kurzem schwer erkrankt und wir mussten sie Ende Oktober einschläfern lassen. Deswegen hatten wir eine Tierarztrechnung von etwa 350 Euro – das entspricht fast dem Monatssatz von Hartz IV, den man als Teil eines Pärchens bekommt (denn Paare, die von Hartz IV leben, erhalten nur 374 Euro pro Monat anstatt 416 Euro). 

Anfang November haben wir die Rechnung also von unserem Hartz-IV-Satz bezahlt. Mitte November sollte mein Freund dann zu einer Maßnahme fahren, um seine Bewerbungsunterlagen aufzufrischen.

Da wir auf dem Land leben (hier gibt es quasi nichts), hätte mein Freund mit dem Bus zum nächsten Ort fahren müssen, wo er den Termin hatte. Aber wir hatten einfach kein Geld mehr für das Busticket übrig.

Mein Freund hat den Termin dann abgesagt und um einen neuen im nächsten Monat gebeten.

Weil wir uns die Fahrt ins Jobcenter nicht leisten können, drohen Sanktionen

Ein paar Tage später hatten wir dann zwei Briefe im Briefkasten: Der eine war für mich, ich sollte nun ebenfalls zu einem Termin ins Jobcenter kommen – was natürlich nicht ging, weil ich nun mal auch kein Geld für den Bus hatte. Wenn das dem Jobcenter als Begründung nicht reicht, erwartet mich eine Sanktion: Mir werden dann zehn Prozent meines Hartz-IV-Satzes gestrichen.

Der zweite Brief war an meinen Freund gerichtet – darin haben sie ihm angedroht, 30 Prozent seines Satzes zu streichen, weil er seine Maßnahme abgesagt hatte. 

Das bedeutet im Grunde, das Jobcenter vergrößert unsere Not, anstatt uns zu helfen. Ich empfinde die Briefe, die wir bekommen haben, als Schikane.

Ich habe dann bei unserer Beraterin vom Jobcenter angerufen und sie gefragt, was das Ganze soll. So, wie mit uns umgegangen wird – das ist der falsche Weg. Im Endeffekt hat mein Freund guten Willen gezeigt und musste den Termin aus persönlichen Gründen absagen.

Die Antwort der Sachbearbeiterin war: “Wir haben schließlich Verpflichtungen dem Jobcenter gegenüber.” “Ich hatte auch eine moralische Verpflichtung meinem Hund gegenüber, den ich vor über 13 Jahren adoptiert habe”, habe ich geantwortet.

“Den konnte ich ja nicht einfach mit der Schaufel totschlagen.” Um die Tierarztkosten, die uns erst in die finanziellen Schwierigkeiten gestürzt haben, konnten wir ja nicht herumkommen. 

Außerdem meinte die Frau, was den Termin meines Freundes angeht, sollte er sich selbst beschweren. Da wäre ich ja nicht betroffen.

Wenn meinem Freund ein Drittel seines Hartz-IV-Satzes gestrichen wird, trifft uns das beide

Was die Sachbearbeiterin in diesem Moment allerdings nicht bedacht hat: Wir sind eine Bedarfsgemeinschaft, mein Freund und ich. Wir leben zusammen und beziehen deswegen ja auch weniger Hartz IV als zwei alleinlebende Personen.

Wenn meinem Freund fast ein Drittel seines Satzes gestrichen wird, betrifft mich das am Ende genauso. Wir werden sozusagen beide sanktioniert.

Aktuelle Zahlen zu Hartz IV und Fahrtkostenerstattung 

► Arbeitslosengeld II, umgangssprachlich auch Hartz IV genannt, ist die Grundsicherungsleistung für Hilfebedürftige. Das Gesetz, mit dem Hartz IV eingeführt wurde, wurde am 24. Dezember 2003 besiegelt. Derzeit beziehen etwa4,2 Millionen Menschen Hartz IV.

► Am 1. Januar 2019 wir der monatliche Regelsatz von 416 auf 424 Euro erhöht. Entsprechend steigt auch der Satz für Partner in der Bedarfsgemeinschaft von 374 Euro auf 382 Euro.

► Wer persönlich zu einem Termin des Jobcenters erscheinen muss, kann sich die Fahrtkosten in der Regel per Antrag erstatten lassen.

Das Jobcenter möchte einerseits, dass man zusammen haushaltet – aber wenn ein Partner dann für den anderen Partner mitsprechen will, ist das auch wieder nicht richtig. 

Hartz IV gehört meiner Meinung nach abgeschafft. Denn wer von Hartz IV lebt, ist kein Teil der Gesellschaft mehr. Man verliert seinen Freundeskreis, weil man nichts mehr unternehmen kann, was Geld kostet. Man ist ausgegrenzt, abgehängt und verloren. 

Dieser Artikel ist Teil der HuffPost-Heiligabend-Aktion. Anlässlich des 15. Jahrestags von Hartz IV am 24. Dezember 2018 stellen wir Menschen vor, deren Leben durch Hartz IV verändert wurde. Weitere Beiträge findet ihr  hier.

(ben)