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18/03/2019 09:26 CET | Aktualisiert vor 1 Stunde

Diese Tierversuche können helfen, Krebs zu heilen – bei Hund und Mensch

Würdest du deinen krebskranken Hund für Versuche hergeben – wenn das Menschenleben retten könnte? In den USA ist das ganz normal.

Eric Ward

Hunde haben keine Krankenversicherung.

Die Mehrheit der Hunde jedenfalls nicht, was nicht bedeutet, dass es keine entsprechenden Angebote gibt. Die Verbraucherzentrale bezeichnete die Krankenversicherung für Tiere zuletzt als tierisch überflüssig.

Was erst einmal banal klingt, kann für ihre Halter ernste Konsequenzen haben: Unsere Gefährten mit der feuchten Nase nehmen für viele Menschen die Rolle eines vollwertigen Familienmitglieds ein.

Familienmitglieder, die in manchen Fällen mehr mit uns gemein haben, als ihren Haltern lieb ist. Denn jeder zweite Hund, der die Altersschwelle von zehn Jahren überschreitet, stirbt an einer tückischen Krankheit, die auch für uns Menschen noch immer häufig nicht heilbar ist: Krebs. Kommt es so weit, müssen Herrchen und Frauchen die kostspieligen Therapien selbst zahlen – wenn sie es sich leisten können.

Dabei gibt es eine Chance für die betroffenen Tiere, die ebenso jedem menschlichen Patienten offensteht, bei uns in Europa aber bisher kaum genutzt wird: die Teilnahme an medizinischen Studien – deren Ergebnisse später anderen Haustieren und Menschen zugutekommen könnten.

Perspective Daily
Krebsarten, die bei Mensch und Hund auftreten.

Das klingt ganz anders, als wenn man diesen Vorgang als das bezeichnet, was er am Ende des Tages ist. Nämlich als einen Tierversuch. Warum weckt dieser Begriff vor allem ungute Assoziationen?

Tierversuch ist nicht gleich Tierversuch

“Tierversuch”. Allein das Wort auszusprechen genügt, um wohl bei den meisten Exemplaren des Tieres der Gattung Mensch ein flaues Gefühl in der Magengrube hervorzurufen.

So hat eine kritische öffentliche Haltung zu dem Thema in der Vergangenheit bewirkt, dass Versuche an Tieren, die nicht der biologisch-medizinischen Forschung dienten, durch das deutsche Tierschutzgesetz stark eingeschränkt oder gänzlich verboten wurden. Auch auf EU-Ebene gab es Fortschritte, etwa das 2013 verhängte Verbot, die Verträglichkeit von Kosmetika an Tieren zu testen.

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Abseits dieser Versuche aus wirtschaftlichen Interessen stehen Tests, die sicherstellen sollen, dass die Risiken von neu entwickelten Medikamenten und Behandlungen sich in Grenzen halten, bevor sie schließlich am Menschen erprobt werden. In den meisten Fällen geschieht das, indem gesunde Versuchstiere – in Deutschland sind das in 80 Prozent der Fälle Nagetiere wie Mäuse oder Ratten –

Mäuse machten 2017 etwa 66 Prozent (ca. 1,36 Millionen) der eingesetzten Tiere aus. Circa 11 Prozent (ca. 240.000) der Tiere waren Fische, fünf Prozent (ca. 92.000) Kaninchen und etwa zwei Prozent (ca. 37.000) Vögel.

mit einer Krankheit infiziert werden, um anschließend zu überprüfen, ob die Behandlung wirksam ist. 

Um der ethischen Verantwortung gegenüber den Tieren gerecht zu werden, gilt es, die Versuche möglichst effizient und zweckmäßig zu gestalten – und das ist bei Versuchen an Mäusen in der Krebsforschung nicht immer der Fall.

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Zum einen hat diese Art der Forschung das generelle Problem, die Realität unter Laborbedingungen nie zu 100 Prozent nachbilden zu können. Zum anderen können neue, vielversprechende Krebstherapien, in denen körpereigene Abwehrzellen des Patienten so verändert werden, dass sie Tumorzellen aufspüren und zerstören können, wahrscheinlich nicht an Mäusen erprobt werden.

Grund dafür ist, dass die kleinen Nager in freier Wildbahn gar nicht dazu neigen, Krebs zu entwickeln. Um die Erkrankung unter Laborbedingungen trotzdem bei ihnen hervorzurufen, werden ihnen menschliche Krebszellen implantiert. Dazu müssen die Forscher verhindern, dass das Immunsystem der Mäuse die fremden Zellen angreift – und das klappt nur, indem sie ihre Immunabwehr künstlich verändern.

Und genau hier liegt das Problem. Neuere Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die in die Mäuse eingesetzten Krebszellen sich ohne ein normal funktionierendes Immunsystem ganz anders entwickeln als in einem “echten” Patienten. Die Erkenntnisse aus den Versuchen wären somit im besten Fall eingeschränkt nutzbar, im schlechtesten Fall aber unbrauchbar und irreführend.

Wie kann es also anders gehen?

Bessere Krebstherapien für den Menschen – und die Tiere

Genau hier kommen die Hunde ins Spiel. Nicht nur, dass das Immunsystem eines Hundes dem unseren sehr viel ähnlicher ist als das einer Maus: Hunde werden – nicht zuletzt wegen geteiltem Lebensraum und ähnlichen Lebensbedingungen – auch von sehr ähnlichen Erkrankungen heimgesucht.

Das Spektrum reicht von Allergien, die immer häufiger bei Mensch und Tier auftreten, über Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zu Krebs. Und im Gegensatz zur Labormaus gibt es hier bereits Millionen tierische Patienten, die auf natürliche Weise von diesen Erkrankungen betroffen sind – und bei ihren Haltern so neben Sorgen und Herzschmerz nicht selten auch finanzielle Nöte hervorrufen.

www.royalsocietypublishing.org / Perspective Daily
Die Zahlen beziehen sich auf die USA. Quelle: www.royalsocietypublishing.org 

Wird bei einem Hund Krebs diagnostiziert, muss der Halter eine schwere Entscheidung treffen: abwarten, einen kostspieligen Therapieversuch starten – oder den treuen Gefährten einschläfern lassen.

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“Hundebesitzer konfrontieren sich nicht gerne mit dem Thema Krebs, weil es natürlich emotional schwierig für sie ist”, berichtet mir Erika Jensen-Jarolim. Die Professorin für Comparative Medizin hat über viele Jahre in Wien zu Antikörpern gegen Krebs bei Menschen geforscht, die potenziell auch für Hunde sinnvoll sein können.

Inzwischen hat sie sich allerdings wieder aus diesem Gebiet zurückgezogen, nicht ohne eine gewisse Frustration. “Wenn man den Tierhaltern, deren Tiere medizinisch keine andere Chance mehr haben, anbietet: ‘Es gibt hier noch eine Studie mit einem neuen Präparat, an der Ihr Tier teilnehmen könnte’, dann wird in der Regel geantwortet: ‘Das ist jetzt aber hoffentlich kein Tierversuch!’”

Medizinische Universität Wien
Erika Jensen-Jarolim ist Humanmedizinerin und Fachärztin für Klinische Immunologie. Sie forscht im Bereich Immunonkologie, der Schnittstelle zwischen Allergie- und Krebsforschung. Sie hat eine Professur für Comparative Medizin am interuniversitären Messerli ForschungsInstitut Wien inne und bildet so die Brücke zwischen der Medizinischen- und der Veterinärmedizinischen Universität Wien.

Per Gesetzeslage sei dies zwar der Fall, aber es handele sich hierbei eigentlich um eine klinische Studie, die aufgebaut ist wie für menschliche Probanden, bei der aber niemand von “Menschenversuch” sprechen würde.

“Die Entscheidungen bei Hunden werden hier ganz anders getroffen als bei menschlichen Patienten, der eigenen Oma oder sich selbst zum Beispiel, wo man eher bereit ist, alle medizinischen Möglichkeiten zu nutzen”, berichtet Jensen-Jarolim.

Bei Hunden hingegen laufe das häufig anders: “Solange der Hund gesund ist, ist er ein gutes Familienmitglied. Wird er aber krank, gibt es natürlich eine finanzielle Zwangssituation durch die potenziellen Behandlungskosten. Eine klinische Studie wird aber auch abgelehnt, weil es Bedenken gegen Tierexperimente gibt, was sie laut gesetzlicher Definition auch ist.”

Genau diese Definition ergebe aber wenig Sinn und trage so zur Verunsicherung der Tierhalter bei: “Wir brauchen so oder so klinische Forschung. Ich bin Humanmedizinerin, bei uns Menschen ist es ganz normal, dass wir bei einer Krebserkrankung auch die Möglichkeit haben, an einer Studie teilzunehmen”, so Jensen-Jarolim.

Vergleichende Krebsforschung zwischen Hund und Mensch: das Modell USA

In den USA bewertet man die Lage anders. Das National Cancer Institute (NCI; zu Deutsch: Nationales Krebsinstitut) ist das weltweit größte Institut zur Krebsforschung und koordiniert für das US-Gesundheitsministerium alle Forschungsvorhaben in diesem Bereich. Amy LeBlanc leitet als Direktorin die Forschungen des Programms “Vergleichende Onkologie” am Standort Bethesda im Bundesstaat Maryland.

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Sie ist davon überzeugt, dass alle Beteiligten davon profitieren, wenn Vorbehalte abgebaut werden: “Die klinischen Studien bieten Tierhaltern die Möglichkeit, auf neue und innovative Behandlungen zuzugreifen, die in erster Linie für den Menschen entwickelt werden.”

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Durch die Vermittlerrolle zwischen forschenden Pharmaunternehmen und betroffenen Tierhaltern können die Kosten für letztere drastisch reduziert werden – und so auch Hunden eine Chance bieten, deren Halter sich sonst gar keine Behandlung leisten könnten.

National Cancer Institute / National Institute of Health
Amy LeBlanc ist tierärztliche Onkologin und Leiterin des Programms für Vergleichende Onkologie am National Cancer Institute (NCI) in den USA. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf der Synthese von Mensch- und Tiermedizin in der Krebsforschung. Im hier verlinkten Vortrag spricht die Forscherin über die Vorteile der wissenschaftlichen Einbindung von Haustieren bei der Krebsbekämpfung.

In der Praxis werden dann erkrankte Hunde, die infrage kommen, gezielt durch die mit dem NCI kooperierenden Tierarztpraxen und -kliniken ausgewählt und angesprochen.

“Die Teilnahme an einer Studie wird stets neben einer Vielzahl anderer Behandlungsoptionen angeboten und die Besitzer ausführlich über Chancen und Risiken aufgeklärt, so wie es bei menschlichen Patienten auch der Fall wäre”, betont LeBlanc.

Dabei werde nichts verharmlost oder verschleiert: “Sicher gibt es auch Risiken wie bei jeder anderen gängigen Behandlung bei Krebs wie Chemotherapie, Bestrahlungen oder Operationen auch. Die Halter haben auch nach Beginn der Studien jederzeit die Möglichkeit, die Behandlung ihres Hundes zu stoppen, wenn sie das Gefühl haben, es sei nicht mehr im Interesse ihres Tieres, fortzufahren”, so LeBlanc.

Durchgeführt werden die Therapien dann an einer von 22 Partneruniversitäten, die im ganzen Land verteilt sind und so möglichst kurze Anfahrtswege für die tierischen Studienteilnehmer bieten.

Auf diese Weise entsteht ein USA-weites Netz, um das Wissen über Krebs und die Therapiemöglichkeiten auch für uns Menschen um möglichst viele Informationen zu bereichern. Und zwar in einem Gebiet, in dem der medizinische Fortschritt für Menschen bisher oft schmerzlich langsam verläuft. Erkenntnisse, wie Krebs bei Hunden therapiert werden kann, würden direkt auch den Menschen zugutekommen.

Etwa bei dem sogenannten Osteosarkom, umgangssprachlich auch als Knochenkrebs bezeichnet, der bei Kindern zu den häufigsten Krebserkrankungen zählt – aber auch bei Hunden überproportional häufig vorkommt. Organisationen wie die Canines-N-Kids Foundation (Hunde-und-Kinder-Stiftung) haben das Potenzial erkannt und fördern in den USA öffentlichkeitswirksam die Bemühungen, um die vergleichende Krebsforschung in diesem Bereich deutlich zu beschleunigen.

Comparative Oncology Trial Consortium / Perspective Daily
Standorte der Tiermedizinischen Hochschulen, an denen vergleichende Krebsforschung durchgeführt wird.

Wenig spricht dagegen, das Modell USA auch auf Europa zu übertragen – vorausgesetzt, wir stellen unsere Definition des Begriffs “Tierversuch” noch einmal kritisch auf die Probe und differenzieren genauer, wovon wir eigentlich reden.

Gelingt das, gewinnen alle, die mit Krebs zu kämpfen haben: wir Menschen durch bessere, schnellere und realitätsnähere Forschung; die Hunde, die ohnehin an Krebs erkranken, durch Behandlungen, die ihnen sonst nicht offenstehen würden – und Millionen von Labormäusen, die seltener für den medizinischen Fortschritt leiden müssten.

Dieser Artikel ist zuerst bei Perspective Daily erschienen.